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Hebelmodell

Hebelmodell: Fremdfinanzierte Rente. Dieser Artikel erschien in der Branchenzeitschrift "Performance" Juli 2002 Verfasser Joachim Dolatschko

Milchmädchenrechnung oder fundierte Beratung

Kurzinhalt: Hebelmodelle sog. bankfinanzierte Rentenmodelle sind in Mode. Hohe Gewinnphantasien werden geweckt. Die Risiken werden nicht seriös aufgezeigt. Jedoch: der Kunde kann sein Geld verlieren. Auch die risikolose Investition ohne Kredit wird häufig höhere Renditen bringen. Hebeleffekt (Leverage-Effekt) bedeutet neben erhöhten Gewinnchancen immer auch erhöhte Verlustrisiken.

 

Modeerscheinungen führen auch bei Finanzprodukten zu skurrilen Auswirkungen. Oft wird dann der Eindruck erweckt, dass es sich um das ultimative Produkt handelt, mit dem ohne große Risiken überdurchschnittlich hohe Renditen erzielt werden können.

Eines dieser Produkte ist die sogenannte bankfinanzierte Rente, die in den verschiedensten Ausprägungen derzeit am Markt angeboten wird.

Am Beispiel eines Ehepaares, das einen 40%-Steuersatz und die Sparerfreibeträge gerade ausgeschöpft hat, werden nun einige Überlegungen durchgeführt.

Das Grundmodell scheint einfach:

Der Familie hat 10.000 € Eigenkapital. Zusätzlich nimmt sie ein Darlehen in Höhe des 5-fachen Betrags auf (50.000 €) zu z.B. 6,6% Zins (eff.).

Die 60.000 € spart sie nun in eine britische Lebensversicherung (bLV), die 8,5% Rendite abwerfen soll.

Sie hebelt (daher der Name Hebelmodell) also ihr Anlagekapital auf den 6-fachen Wert.

 

 

Mittelherkunft und Mittelverwendung

Die Rechnung scheint einfach:

Der Familie erwartet für ihr Eigenkapital in Höhe von 10.000 € eine Rendite von 8,5% von der britischen Lebensversicherung

Für die geliehenen 50.000 Euro bekommt sie nur die Differenz zwischen 8,5% und dem Darlehenszins von 6,6% also 1,9% p.a..

Bezogen auf das Eigenkapital von 10.000 € sind das also 8,5%+5*1,9%=18% p.a..

Die Erträge sind steuerpflichtig. Die Zinsen als Aufwand steuerlich abzugsfähig. Aber selbst in der Nachsteuerbetrachtung ist die Rendite bei oberflächlicher Betrachtung recht ordentlich.

Wo versteckt sich der Wurm?

Es gibt verschiedene Parameter in diesem Modell, welche die Rendite erheblich schmälern können.

Die Kategorie der persönlichen Risiken, wie Arbeitslosigkeit, Erwerbsminderung u.ä. soll in diesem Aufsatz nicht besprochen werden.

In der Kategorie der systemimmanenten Risiken können wir zum einen die Gruppe der kleinen Risiken wie Kostenrisiko und Zinsänderungsrisiken usw. lokalisieren, die hier nicht behandelt werden.

Zum anderen gibt es große Risiken, nämlich:

1. Die Renditeentwicklung der britischen Lebensversicherung (bLV)

2. Die Auswirkung der weiteren Einkünfte aus Kapitalvermögen

 

1. Die Renditeentwicklung der britischen Lebensversicherung (bLV)

Dreh- und Angelpunkt ist, dass die britischen Lebensversicherungen (bLVs) eine Rendite abwirft, die über dem Darlehenszins liegt.

Hier stellt sich die Frage, wie das geschehen soll.

Wir wissen, dass bLVs Ihr Kapital zu ca. 75% in Aktien und zu ca. 25% in festverzinsliche Papiere investieren.

Nach vorliegenden Unterlagen (Quelle: Money Management With Profits Serveys 1998-2000) haben die bLVs in den Jahren 1989 – 2000 im Durchschnitt Renditen in Höhe von 12,46% p.a.(in Pfund) erzielt.

Gleichzeitig hatten die Briten in diesen zwölf Jahren eine durchschnittliche jährliche Inflation in Höhe von 8,80% p.a. (gleiche Quelle).

Das heißt, die inflationsbereinigten Realrenditen der bLVs lagen im Schnitt bei 3,66% p.a.

Im Vergleich hierzu hatten wir in Deutschland in demselben Zeitraum eine Inflationsrate von durchschnittlich 2,5% p.a. (Quelle:Globus). Die deutschen Lebensversicherungen mit einer Laufzeit von 12 Jahren und einem Vertragsablauf im Jahr 2000 erreichten eine durchschnittliche Rendite von 5,3% (Quelle: Morgen & Morgen LVWin).

Daraus ergibt sich eine Realrendite in Höhe von 2,8% p.a..

Wer nun die hohen britischen Renditen (bedingt durch die hohe Inflation, Zinsen) auf der Einnahmenseite mit den niedrigen Zinsen Deutschlands auf der Ausgabenseite gegenüberstellt, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Denn:

Entweder hat er ein erhebliches Währungsrisiko wenn er eine Pfund-Police vereinbart oder er vereinbart eine Euro-Police (80% der Gelder in Euro angelegt) und bekommt dann deutlich weniger Rendite. Auch der Einwand, dass die Gelder zu 75% in Aktien angelegt und somit nicht vom Zinsmarkt beeinflusst sind, greift hier nicht. Wir hatten in Europa im Zeitraum 1989-2000, abgesehen vom Jahr 1994, die längste Hausse-Phase der Nachkriegszeit, die ich als Ausnahme im normalen Aktienzyklus betrachten möchte. Wer mag schon so optimistisch sein, dass wir in den nächsten 10-15 Jahren die gleichen Ergebnisse erzielen könnten? Nebenbei bemerkt würde es den bLVs gut tun, wenn man nicht so überzogene Erwartungen in sie setzen würde. Auch unter realistischer Betrachtungsweise kann eine bLV aus verschiedenen Gründen eine gute Alternative zur deutschen Lebensversicherung sein.

Ein weiteres Problem ist die Frage: mit welcher Wahrscheinlichkeit erreiche ich welche Rendite? Ertragsprognosen, die im Zusammenhang mit Aktienanlagen vorausgesagt werden, treten immer nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ein.

Eine Berechnung der Standardallokation der bLVs (75% Aktien / 25% Renten) mit der Finanzsoftware "Portfolio Selection II" ergibt folgende Wahrscheinlichkeitsverteilung:

Kumulativ betrachtet:

Renditeprognosen von Anlageportfolios unterliegen also bestimmten Eintrittswahrscheinlichkeiten. Das gilt für private Investmentanlagen genauso wir für bLVs als ganzes. Es sei noch erwähnt, dass die obigen Wahrscheinlichkeitsverteilungen eine Berechnung nach Kosten abbilden.

In unserem konkreten Beispiel liegt also die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rendite (nach Kosten) von unter 8,5% p.a. erzielt wird bei 50,66%. Damit liegen aber in diesem Fall 100% der Hebelgeschäfte schlechter als die getroffenen Annahmen.

Es ist also falsch anzunehmen, dass bei Euro-Policen der bLVs mit 8,5% Rendite eine Art unterer Erwartungshorizont dargestellt ist.

2. Die Auswirkung der weiteren Einkünfte aus Kapitalvermögen.

Unser Ehepaar hat seinen Sparerfreibetrag (§ 20 Abs.4 EStG) gerade ausgeschöpft. Die Steuerrechnung für das Jahr 2 der Anlage sieht so aus:

 

naive Rechnung

Berechnung der Steuererklärung

Erläuterung

440,00 €

440,00 €

steuerplichtiger Anteil der bLV aus der Teilkündigung zur Begleichung der Bankzinsen

- 2.800,00 €

- 2.800,00 €

Zinsen für das Darlehen

hier nicht berücksichtigt

3.100,00 €

steuerpflichtige Zinseinkünfte (bisher schon steuerfrei wg.Sparerfreibetrag)

- 2.360,00 €

740,00 €

Steuerlicher Gewinn (+) / Aufwand (-)

40%

40%

Steuersatz

944,00 €

0,00 €

Steuervorteil (+) / Steuernachteil (-)

 

Im Ergebnis hat unser Ehepaar in diesem Fall keinen Steuervorteil. Über 15 Jahre betrachtet fehlt ihm in Aussicht gestellte Steuervorteil in Höhe von 15 Jahre à 944 Euro also 14.160 Euro; bezogen auf das Eigenkapital von 10.000 Euro eine erhebliche Summe.

Bisher ist mir keine Berechnungssoftware von Hebel-Modellen bekannt, welche die Auswirkungen ausgeschöpfter Sparerfreibeträge berechnet.

Fazit:
Unter Berücksichtigung des Wahrscheinlichkeitsraumes und der Wirkung ausgeschöpfter Freibeträge ergeben sich für unser Ehepaar folgende Ergebnisse:

 

Grenzrendite

Wahrscheinlichkeit für diese Grenzrendite

Die Rendite ist kleiner als 0% (Geld wird verloren) bei einer Rendite bLVs von unter:

5,76%

22,89%

Das Ergebnis des Hebelmodells ist schlechter als das einer bLV alleine bei einer Rendite der bLVs von unter:

8,92%

55,16%

Das heißt in 55,16% der Fälle ist unser Ehepaar besser bedient, wenn es mit seinem Eigenkapital einfach eine bLV bespart. Hätte sich in diesem Fall die bLV mit 5,76% verzinst, wären vielleicht nicht alle Erwartungen erfüllt worden, aber ein Grund zum Weinen wäre das für unser Ehepaar auch nicht gewesen.

Beim Hebelmodell jedoch hätte ab diesem Zinssatz der Kapitalverlust eingesetzt.

Merke: Hebel wirken auch nach unten.

Grafisch sieht das so aus:

Die Verläufe der Überschußkurven der am Markt angebotenen Modelle unterscheiden sich. Grundsätzlich kann man hieraus das Risiko ableiten, das der Kunde eingehen würde. Manche Modelle können durchaus attraktive Chancen bei akzeptablem Risiko bieten. Eine Änderung der Prämissen in Hinblick auf die Einkünfte aus Kapitalvermögen, geringere Steuersätze in der nachgelagerten Besteuerung, Renten anstatt Kapitalzahlung oder Erhöhung der Summen kann das Ergebnis zu Gunsten des Hebelmodells verlagern. Die von den Anbietern zur Verfügung gestellten EDV-Programme leisten jedoch keine Hilfe zur Beurteilung dieser unterschiedlichen Sachverhalte. Deshalb sollten sich Interessenten unter allen Umständen der Hilfe professioneller Finanzberater bedienen.