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Ist der Euro wirklich so schwach?

07.06.2010

Ist der Euro wirklich so schwach?

Von: Joachim Dolatschko

Das große Drama dieser Tage scheint der weicher werdende Euro zu sein. Journalisten berauschen sich an Untergangsszenarien für das Abendland. Doch ist der Euro wirklich so schwach? Wer profitiert? Fragen, die dringend einer sachlichen Beantwortung bedürfen.

Heute Morgen lag der Preis für 1 Euro bei 1,19 USD. Da gerade keines der Euroländer in Not ist, wird Ungarn als Nicht-Euroland als Sündenbock ausgemacht.

 

Lassen Sie uns ein wenig in die Vergangenheit schauen.

 

Der Euro wurde am 1.1.1999 als Buchgeld eingeführt. Der Kurs lag damals bei 1,18 USD für 1 Euro.

 

USD/Euro Wechselkurs

 

Der Himmel ist uns also heute Morgen, als der Euro bei 1,19 USD lag, noch nicht auf den Kopf gefallen. Wir haben noch jede Menge Spielraum nach unten. Insofern ist die aktuelle Diskussion ein wenig zu aufgeregt.

 

Klar, der Urlaub ist für uns Deutsche in den Staaten jetzt teuerer geworden. Dafür kommen die Amerikaner wieder lieber zu uns, weil unsere Preise für sie erschwinglicher geworden sind.

 

Wie ist das überhaupt mit der Währung? Gibt es einen fairen Kurs?

 

Ja, grundsätzlich schon. Im Kaufkraftparitätenmodell gibt es einen Gleichgewichtskurs um den die Währungen schwanken. Man nehme einen Warenkorb für beide Volkswirtschaften und ermittle den Preis für die beiden identischen Warenkörbe in der jeweiligen Währung. Wenn man beide Preise nun ins Verhältnis setzt hat man den fairen Wechselkurs.

Zur Illustration können wir am stark vereinfachten Modell des „Big Mac“-Index zeigen, wie das funktioniert. Kostet ein Big Mac in den USA 2,40 USD und in Europa 2 Euro, dann wäre der faire Wechselkurs bei 2,40 USD / 2 € = 1,20 USD/€.

Sollte der Hamburger in der BRD aber plötzlich nur noch 1 Euro kosten, dann würden alle Bürger der USA Ihre Hamburger in Deutschland kaufen, weil das billiger ist. Das würde die Nachfrage nach Euro erhöhen und den Wechselkurs des Euro so lange stärken, bis der Preis in beiden Ländern wieder ausgeglichen ist. Sie haben sicher schon gemerkt, dass dieses Beispiel absurd ist, aber mit einem Warenkorb international erhältlicher Industriegüter macht das Sinn.

(Aktueller Chart zum Big Mac Index: http://www.economist.com/node/15715184)

 

Die Volkswirtschaftler ermitteln den Gleichgewichtspreis zwischen den USA und der BRD, je nach Warenkorb zwischen 1,10 USD und 1,20 USD pro 1 Euro.

So gesehen befinden wir uns derzeit in einer fairen Situation.

 

Warum gibt es so große Schwankungen?

Manchmal kann eine Währung sehr weit vom Gleichgewichtskurs entfernt sein. Das hat mit Zukunftserwartungen zu tun.

Wenn z.B. Asiaten und Amerikaner viele Güter im Euroland einkaufen oder gerne in Deutschland investieren, dann müssen sie Euros kaufen, um die Güter oder Investitionen bezahlen zu können. Wenn also, vereinfacht gesagt, deutsche Güter und Aktien sehr attraktiv sind, werden viele Euros gekauft und das wiederum treibt den Kurs nach oben (z.B. 1,60 USD für einen Euro am 22.4.2008). Vielleicht erinnern Sie sich noch an die letzte Krise, die Kreditblase der USA. Dadurch hatten die Bürger der USA sehr viel Geld zur Verfügung, das in den Konsum gesteckt wurde. So haben die USA über Jahre sehr viel mehr importiert als exportiert. Zu dieser Zeit war der Euro also sehr attraktiv. Dieser Nachfrageüberhang der US-Boys ist nun ausgelaufen. Auch einer der Gründe für geringere Nachfrage nach Euro.

 

Wenn zudem die Zukunftserwartungen skeptisch ausfallen, z.B. weil in Europa hohe Inflationsraten erwartet werden oder weil man Zweifel wegen der Rückzahlung von Staatsanleihen hegt, dann möchten die Anleger diese Währung lieber meiden und verkaufen Euro. Werden sehr viele Euro verkauft, dann sinkt der Preis für 1 Euro. Damit der Kurs nicht ganz verfällt, muss die EZB die Zinsen im gleichen Maß anheben, damit der Anleger sozusagen einen rentablen Inflationsausgleich bzw. einen Risikoprämie bekommt. Wichtig bleibt dabei natürlich der Erhalt des Vertrauens (s. Griechenland).

 

Langfristig kann sich aber auch der Gleichgewichtskurs einer Währung nachhaltig verändern. Sie erinnern sich an die beiden Warenkörbe? Wenn nun ein Land dauerhaft eine höhere Inflationsrate hat, dann wird der Warenkorb in diesem Land teuerer. Damit verschiebt sich in dieser Betrachtung auch der Gleichgewichtskurs. Die Währung des Landes mit der höheren Inflationsrate wird schwächer.

 

Wie ist die Inflationserwartung in Europa gegenüber den USA?

 

Unsere Einschätzung ist die, dass Europa in den nächsten Jahren, solange sich die Politik der EZB nicht ändert, keine höhere Inflationsrate als die USA haben wird.

 

Ist die derzeitige Eurokurs-Normalisierung doch eher auf die Unsicherheit in Hinblick auf die Rückzahlung der Staatsschulden zurückzuführen?

 

Dem möchte ich zustimmen. Griechenlands Krise war wichtig für die gesamte Eurozone, da die Politiker dadurch erstmals gespürt haben, dass Schuldenorgien auf Dauer zu großen Problemen führen können. Begrüßenswert ist daher die aktuelle Diskussion unserer Politiker über den richtigen Sparkurs. Der Spardruck muss weiter anhalten, sonst müssten wir eines Tages das Platzen der Staatsschuldenblase feststellen. Die frühere leichte Lösung über Steuererhöhungen ist bei einer Staatsquote von nahezu 50% ausgeschöpft und man wird sich fragen müssen, wie viel Staat sich der Staat noch leisten kann. Das wird die nächsten Wochen sicher noch spannend. Auch wenn´s weh tut: der größte Posten bei den Bundesausgaben sind die Sozialleistungen mit ca. 50%. An diesen Kuchen wird man heran müssen. Die Messer sind gewetzt.

 

Oder hat die Wettbewerbsfähigkeit Europas gelitten?

Was Deutschland betrifft, kann man mit einem klaren Nein antworten. Deutschland hat in den letzten Jahren große Fortschritte bei den Lohnstückkosten (=Maßstab für die internationale Wettbewerbsfähigkeit) gemacht. Die anderen Länder der Eurozone werden hier nachziehen müssen.

 

Was bewirkt nun der schwächer gewordene Euro für die Industrie?

 

Sie ahnen es vielleicht schon: die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie hat weiter zugenommen.

Natürlich schlägt der Effekt nicht voll durch, da auch die deutsche Industrie viele Rohstoffe und Halbfertigerzeugnisse in USD (also währungsneutral) einkaufen muss. Aber für den Teil der Fertigung, der in Deutschland und damit in Euro bewertet wird, hat sich die Konkurrenzsituation deutlich verbessert.

Dadurch wird die Attraktivität deutscher Erzeugnisse gesteigert und das wiederum lässt den Euro mittelfristig dann doch wieder stärker werden.

Die Unternehmen, die international gut aufgestellt sind, werden dadurch mittelfristig zu einer komfortablen Gewinnsituation gelangen. Auch das wird sich mittelfristig positiv für den Euro auswirken.

 

Was können Sie persönlich vom derzeitig eher schwächeren Euro erwarten?

Wie schon gesagt: Ihre Urlaube außerhalb der Eurozone werden teuerer werden. Warum nicht auch mal nach Griechenland? Spart Kosten und hilft den Griechen.

Rohstoffimporte, allem voran Erdöl, wird ebenfalls teuerer. Das werden Sie demnächst an der Tankstelle merken. Computer und apple-Produkte werden ebenfalls teuerer und vielleicht auch die Kiwis aus Australien. Deutsche Erdbeeren sollen aber auch ganz gut sein. Wir werden nächstes Jahr also eine höhere Inflationsrate haben, wegen der so genannten importierten Inflation. Die derzeitigen Konditionen für Finanzierungsschätze des Bundes im 2-jährigen Bereich liegen bei 0,33% p.a. (Stand 31.5.2010). Risikolose Kapitalanlagen wie diese werden nicht in der Lage sein die Inflationsrate zu schlagen. Der Preis für eine Vollkasko-Mentalität in diesem Bereich würde Sie ärmer machen. Wir meinen, dass vernünftig eingegangene Risiken wieder stärker belohnt werden. Vielleicht ist es gut, wenn Sie sich auf Veränderungen einstellen. Wie hat Marcel Proust so treffend formuliert: "Wenn wir alles bewahren wollen, müssen wir alles verändern".

Fazit:

 

Zunächst mal besteht hinsichtlich des Eurokurses keinerlei Grund zur Panik. Einige werden davon profitieren und dazu gehört vor allem die deutsche Industrie.

Unsere Kundendepots sind in aller Regel international aufgestellt und damit gut auf die jetzige Situation vorbereitet.

Wenn Sie Zweifel haben, ob Sie richtig investiert sind, dann sprechen nehmen Sie einfach mit uns Kontakt auf.